It’s a RIOT, Baby! Coming to your City soon!
Von [O. Pryde.]
Eigentlich ist es ja nichts neues: 2005 brannten die Vorstädte von Paris, in Athen ist es quasi schon Alltag, am 1. Mai gehört es zum guten Ton, jetzt kracht es – auch schon wieder, wir alle erinnern uns an die Ausschreitungen im Rahmen der Studiengebührenerhöhung – in England. Ich möchte hier auch nicht weiter auf die eigentlichen Ereignisse eingehen, das haben schon die meisten anderen Blogger und Kommentatoren gemacht, ich möchte eher in das Gefüge dahinter blicken, jenem Ort, dem sich die Mainstream-Medien so konsequent verschließen.
Die allgemeine Linie ist einfach: Da sind kriminelle Plünderer am Werk. Punkt. Der Zyniker stellt vielleicht die Frage, wie es zu Plünderungen und Ausschreitungen dieser Größenordnung überhaupt kommen kann, im Land mit der größten Dichte an staatlicher Videoüberwachung, aber das sei jetzt dahingestellt. Premier Cameron macht es sich leicht mit dieser Linie und scheinbar geht das bei einem großen Teil der Bevölkerung auch rein. Natürlich empfindet man (spontan) Empathie mit den Ladenbesitzern, deren Lebensgrundlage in Flammen aufgeht. Das gezeichnete Bild des „kleinen Unternehmers, der sich über Jahre hinweg bitter mit diesem Geschäft eine Existenz aufgebaut hat“ halte ich dann aber in den meisten Fällen für Tränendrüsen-Journalismus, denn die eigentliche Frage muss lauten: „Warum wird da überhaupt geplündert?“
Das System ist schuld. Für viele DIE Ausrede für eh alles, in diesem Fall aber der logische Schluss. Warum plündern Menschen? Aus Armut und aus Gier. Wer waren hier die Plünderer? Mehrheitlich die selbe „Gruppe“ wie schon vor sechs Jahren in Paris: Vorstadt- und Industrieviertel-Jugendliche mit schlechter Bildung, praktisch keinen Zukunftschancen (und das nicht nur wegen mangelnder Bildung, es gibt für „das Volk“ einfach keinen Platz mehr an den Futtertrögen der Wirtschaft), die jetzt ihre Chance sehen, ihr Stück vom Wohlstandskuchen abzuschneiden. Geklaut wird vom Smartphone bis zum FullHD-3D-Flatscreen so ziemlich alles, was als (unterhaltungs)elektronisches Must-Have im Werbeprospekt in bunten Farben feilgeboten wird. Konsum hat schon lange Religion oder Ideologie als Lebensmittelpunkt abgelöst und wer etwas gelten will, der braucht einfach das eine oder andere shiny Gadget oder wenigstens täuschend echt aussehende Nike-Sneakers.
Das ist allerdings noch lange nicht alles. Abseits dieser Entwicklung kann man (auch bei uns) schon seit längerer Zeit den Trend zur Unleistbarkeit des alltäglichen Lebens bemerken. In Österreich spricht man immer wieder vom ominösen Mittelstand, der Hand in Hand mit dem kleinen Mann von der Straße geht – doch wer oder was Mittelstand ist, das wird von der Politik immer recht eigenwillig ausgelegt. Einmal ist es jemand, der € 2.000,– brutto im Monat verdient, dann jemand, der sich zwei Autos leisten kann, hin und wieder sogar jemand mit einem Reihenhaus mit Eigentumsoption. Aber wie schaut die Realität aus? Mittelstand gibt es keinen mehr. Mittelstand waren zumeist Angestellte mit einem Einkommen deutlich über jenem eines Arbeiters und deutlich unter jenem eines, sagen wir, Managers. Durch die Vollökonomisierung jedes noch so kleinen Unternehmes wurden die Gehälter dieser Angestellten immer weiter beschnitten, Sozialleistungen (Kindergeld!) seitens der Politik ebenfalls und heute ist es keine Seltenheit mehr, dass ein Angestellter mit einer verantwortungsvollen Position im mittleren Management nach Abzug aller Steuern und Beiträge nur irrelevant mehr verdient als eine Hilfskraft im Supermarkt. Anstelle eines mehr oder weniger gesunden Mittelstands etabliert sich ein Prekariat von intellektuellen Wanderarbeitern, die da und dort Jobs abgreifen, für die man früher um das fünffache Geld Spezialisten anstellen musste, besonders in den Bereichen Medien, Design, Kultur und IT.
Gleichzeitig steigen die Lebenskosten. Mieten werden in Quartalsschritten angehoben, Lebensmittel werden immer teurer, Strom, Gas, Wasser: Ein Ende nach oben ist nicht in Sicht. Immer mehr zum Mindestlohn angestellte Hilfskräfte, Verkäufer und Callcenter-Agents weisen ein fertiges Studium auf, von der Germanistin bis zum WU-Abgänger. Will man über die Runden kommen oder sich ein bisschen Luxus leisten, ist der Gang zur Kreditvergabe oft unausweichlich („Wer kein Geld hat, soll sich nichts leisten“ ist ein zynischer, menschenverachtender Ausspruch von Menschen, die noch nie die Würdelosigkeit der Armut erdulden mussten). Damit dreht sich die Abwärtsspirale konsequent weiter, denn die Banken, die unlängst noch vom Staat mit Milliarden von Steuergeldern am „zusammenbrechen“ gehindert wurden (oder das einfach vorgaben und dann mit einem Rekordergebnis ins neue Jahr gingen) und jetzt ihrerseits die Staaten vor dem finanziellen Kollaps „retten“, locken mit günstigen Fremdwährungskrediten und unerhört niedrigen Zinsen – bis diese Blase ebenfalls zerplatzt und alles auf einmal ganz anders ist. In letzter Konsequenz sind gebildete und flexible Menschen vom System so geschunden worden, dass sie mit unter 30 schon mehrfach obdachlos waren.
Um den Bogen wieder zu den jüngsten Ereignissen in GB zu spannen, ein kurzer Blick auf die Konsequenzen der „Riots“ Seitens der britischen Behörden: Premier Cameron verspricht „mit aller Härte“ durchzugreifen, will im Zweifelsfall auch Social Networks wie Twitter oder Facebook unzugänglich machen, RIM verspricht, die Logs ihres Blackberry Messengers den Behörden zur verfügung zu stellen und die Polizei von Manchester tweeted Name, Geburtsdatum und Wohnort von aufgegriffenen Plünderern. Damit ist die Rutsche für einen neuen, radikaleren Aufstand gelegt – dann werden keine Steine und selbstgebackenen Molotov-Cocktails mehr auf Polizeistationen geworfen, dann werden Polizisten erschossen werden, Autos gesprengt und ehe man es sich versieht, hat man einen kleinen Bürgerkrieg. Die Antworten darauf werden die Selben sein, wie schon jetzt: Noch mehr repression, um den Geldadel vor dem lästigen Stimmvieh zu schützen. Während man in Ländern wie dem Iran, Ägypten, Syrien oder Libyen Demokratiebewegungen zumindest inoffiziell unterstützt, wird die Demokratie und das Menschenrecht „daheim“ Schritt für Schritt ausgehebelt.
Lohndumping, ungerechte Verteilung, soziale Ghettoisierung, Überwachung, Polit-Betrug – wer ist da noch Überrascht, wenn dann und wann jemanden der Geduldsfaden reisst?
O. Pryde ist Autor für das VICE Magazine und Viceland, lebt und wirkt mit seiner Familie in Wien.
Photo: [nottinghack]
