Raus mit dem Gesindel, aber sofort!
Grund für diesen Eintrag ist ein Artikel von erstaunlich.at, der mich schon kurz nach dem Aufstehen massiv den Kopf schütteln ließ. Ursprünglich wollte ich den Artikel direkt auf der Webseite kommentieren, aber nachdem meine Stellungnahme dazu relativ lang ausgefallen ist, dachte ich, dass ich dem einen eigenen Blogeintrag widme.
Der besagte Artikel handelt vom Obdachloseneldorado am Wiener Praterstern und wie sich dort die Gewaltspirale weiterdreht. Es ist die Rede von gewaltbereiten Personen, aber in keinem Wort von Menschen, die vom Leben und/oder dem System schlicht und ergreifend gefickt wurden. Im Gegenteil: Es wird abfällig über diese Personengruppe geschrieben, indem man sie als Personen oder Herrschaften betitelt. Gegen Ende des Artikels wird dann auch noch kurz im Namen der Bevölkerung Hetze betrieben:
Für die zuständigen Stellen ist es daher höchste Zeit, diesem Treiben sofort ein Ende zu setzen und die Bevölkerung vor diesen Personen zu schützen.
Nachdem auch ich ein Teil der Bevölkerung bin, möchte ich vorweg darauf hinweisen, dass ich vor diesen Personen nicht geschützt werden muss!
Einleitende Frage: Wieso kommt es überhaupt so weit, dass es Menschen gibt, die den ganzen langen Tag nichts anderes mit sich anzufangen wissen, als sich irgendwo auf eine Parkbank zu setzen und sich zu betrinken?
Oftmals höre ich den Spruch “Du bist des eigenen Glückes Schmied”. -Ich möchte niemandem die Illusionen rauben, aber dieser Spruch ist in seiner Gesamtheit nichts anderes als Bullshit. Das Glück ist und bleibt einzig und allein Zufall. Das war immer schon so und das wird auch immer so bleiben. Angefangen damit von wem und in welchem Land man geboren wurde, bishin zum emotionalen und intellektuellen Fassungsvermögen oder der Gesundheitsfaktoren, um nur ein paar wenige Bereiche zu nennen, die man selbst (fast) nicht bestimmen kann.
Nur kurz am Rande erwähnt: Es gibt medizinische Studien, die belegen, dass Serienmörder einem Gendefekt unterliegen, sprich es soll angeboren sein, ob man zu gewissen Gewalttaten fähig ist oder nicht. Einzig und allein entscheidend soll sein, ob und wie solche Menschen ihr Leben gestalten, also ob man durch Zufall oder auch bewusst beispielsweise einen Beruf wählt, der einen vom Morden abhält, weil durch ihn gewisse “Gelüste” erst gar nicht hoch kommen.
Zurück zum Thema.
Wir leben in einer Gesellschaft, die nun mal unfair ist. Die einen haben mit 18 den ersten Kredit am laufen, weil sie sich das Studium sonst nicht leisten könnten, die anderen haben in diesem Alter schon die erste Eigentumswohnung von ihren Eltern geschenkt bekommen. Während manche einen überdurchschnittlich hoch bezahlten Job ausüben, sumpern andere um den Mindestlohn herum, obwohl sie eine vergleichsweise gute Ausbildung genossen haben, aber ihnen mit 20 das erste Mal Krebs diagnostiziert wurde und deshalb aus gesundheitlichen Gründen keinen besseren Job bekommen. Die einen werden ihr ganzes Leben vom Tod verfolgt, weil ständig jemand aus dem Freundes- und Bekanntenkreis stirbt und die anderen werden bis zum eigenen Tod nie mit diesem Thema konfrontiert.
Der springende Punkt ist: Wie geht jeder selbst mit der eigenen Situation um? Die einen sind stärker, die anderen schwächer. Trotzdem sollte man hier differenzieren, denn der pöbelnde Alkoholiker vom Park nebenan ist nicht gleich ein armseliger primitiver Nichtsnutz, denn auch er kann mal einen schlechten Tag haben und auch er hat bestimmt positive Seiten. Die hat nämlich jeder Mensch! Wir Menschen sehen halt immer nur gerne das Negative im Vordergrund und erkennen daher so schwer die positiven Aspekte des Lebens.
Um auf meine Frage zu Beginn zurück zu kommen: Meistens ist es ja so, dass solche Treffen in Parks oder an anderen öffentlichen Plätzen stattfinden, weil diese Menschen häufig arbeitslos und/oder obdachlos sind und keine andere kostengünstige Möglichkeit haben sich an einem anderen Ort zu treffen. Der Obdachlose kann schwer seine Freunde bei sich zu Hause einladen. Naheliegend ist es daher, dass man sich an einem öffentlichen Ort trifft, sich davor sein Proviant aus dem Supermarkt besorgt und gemeinsam quasi abhängt. Der Kern solcher Cliquen tut das sage und schreibe 365 Tage im Jahr, abzüglich ein paar weniger Tage, die sie davon womöglich im Krankenhaus verbracht hat (Schlägereien, Alkoholvergiftung, Entzug, sonstige Wehwehchen).
Ich hör schon: “Na dann sollens halt was hackeln gehen.” -Schwierig, wenn man seit Jahren Substitute bekommt, weil man heroinabhängig war und einem schon fast alle Zähne fehlen. Schwierig, wenn man fünf Jahre lang im Gefängnis war, weil man vor 20 Jahren einen Ausrutscher hatte.
Ich hör schon: “Na sinds selber schuld, hättens halt keine Drogen genommen und nicht gegen das Gesetz verstoßen.” -Und du hast noch nie etwas getan, dessen Folgen sich bis in die Gegenwart ziehen?
Ich hör schon: “Na oba i nehm deswegen kane Drogen und raub a kane Bank aus.” -Womöglich richtig, aber jeder Mensch geht mit seinen Problemen auf eine andere Art und Weise um und kann auch nicht aus seiner Haut raus.
Ich habe schon ein wenig Zeit in solchen Parks verbracht, teils durch Zufall, wenn mich jemand angesprochen hat und ich mich dann dazu gesetzt habe, teils aus Interesse an den Menschen selbst und komme dabei zu dem Schluss, dass das großteils sehr nette Menschen sind, die auch alle ihre eigene Geschichte haben. Die, die pöbeln und unangenehm sind, sind in der Unterzahl, stechen aber, wie auch in allen anderen Lebensbereichen, mehr heraus und prägen dann eben die Meinung der Menschen, die keinen Blick oder Gedanken hinter die Kulissen werfen, über eine gesamte Personengruppe. An irgendwas erinnert mich das jetzt…
Also, liebe Autorin oder lieber Autor des Artikels:
Komm doch mal raus aus deinem goldenen Käfig, leg deine Scheuklappen ab und zeig ein kleines bisserl Menschlichkeit! Du wirst dich damit abfinden müssen, dass es am Praterstern und Umgebung noch schlimmer werden wird, nachdem man vor zwei Monaten ein Gesetz beschlossen hat, das allen Prostituierten das Arbeiten auf der Hütteldorferstraße verbietet und die Damen nun in diese Gegend “ausgelagert” werden. Du wirst dich damit abfinden müssen, dass in den nächsten Jahren dieses Gesindel mehr werden wird, weil immer mehr Menschen durch das schrumpfende Sozialsystem fallen werden. Und wenn du das nicht möchtest oder kannst, dann musst du halt ein wenig mehr in den von dir gewünschten Lebensstandard invenstieren und nach Grinzing ziehen, wo du dann weiterhin die Augen vor der Realität verschließen kannst.
Photo: [winjohn]
